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über Musik als  "Predigt zur Amtseinführung von Jutta Kneule am 10. Oktober 2004"

gehalten von Pfarrer Christoph Seitz Willingen

 

"Liebe Gemeinde,

wie geht es Ihnen heute Abend? Wie fühlen Sie sich? Fühlen Sie sich eher: Orgelskizze: in sich ruhend? Oder eher so: Orgelskizze: fröhlich? Oder möglicherweise so: Orgelskizze: nachdenklich? Oder trifft das am besten Ihre Stimmungslage: Orgelskizze: aufgeregt? Oder dies: Orgelskizze: überschwänglich/erhaben? Vielleicht liegt Ihre Gefühlslage auch irgendwo dazwischen oder ist sie eher ganz vielstimmig, hat von allem etwas. Sie wissen es selbst am besten!

 

Versuchen Sie doch jetzt einmal, Ihrer stärksten Grundstimmung des heutigen Abends einen Ton zu geben – mit Ihrer Stimme. Summen Sie doch einmal ganz leise den Ton, der für Sie gerade jetzt in diesem Augenblick am besten Ihre stärkste Grundstimmung beschreibt. (…) Und probieren Sie es ruhig mal ein bisschen lauter! (…)

 

Ist das nicht schön: diese Vielgestaltigkeit der Stimmen und Stimmungen! Eine musikalische Momentaufnahme der Gemütsverfassung dieser Gottesdienstgemeinde! Und würden wir dieses Experiment in einer halben Stunde oder morgen oder nächsten Sonntag wiederholen, dann sähe das Ergebnis vermutlich schon wieder ganz anders aus.

 

Mir scheint aus diesen kleinen Experimenten eines aber ganz deutlich zu werden: es gibt kaum eine bessere Ausdrucksform unserer inneren Gestimmtheit und kaum eine bessere Anknüpfungsmöglichkeit an diese innerste Gestimmtheit als die Musik. Ganz schnell und ganz unmittelbar können wir unsere aktuelle Gemütsverfassung, die Stimmung unseres Herzens mit einer Melodie identifizieren oder sie, wie eben getan, mit dem ursprünglichsten aller Instrumente, nämlich unserer Stimme, zum Ausdruck bringen. So kann eine Melodie, eine Musik oder auch der Klang der eigenen Stimme tatsächlich eine unmittelbare Brücke, eine ganz direkte Verbindung schaffen zwischen unserem Innersten und dem, was da Außen ist.

 

Und weil das so ist, liegt gerade auch in jeder Form von Musik – selbst musiziert oder gesungen, oder auch von außen an mich herangetragen – eine ungeheure Möglichkeit: nämlich ein großes Potential für Veränderung.

 

Wenn ich z.B. selber singe oder musiziere, kann etwas aus mir heraus, sei es beispielsweise überschwängliches Glück und Freude oder auch Traurigkeit und Klage. Regungen meines Herzens, meiner Seele, die ich womöglich in gar keine menschliche Sprache fassen kann, finden durch meine Melodie, durch meine Musik einen Weg nach draußen. Und das tut gut, das hilft, das befreit, das entlastet.

Und umgekehrt vermag Musik von außen an mich herangetragen meine innere Gestimmtheit genau zu treffen oder zu verstärken oder sogar zu verwandeln, mal von Moll in Dur, mal von Dur in Moll. Und ich denke, dass wir alle viele Situationen vor Augen oder vielleicht besser: vor Ohren haben, wo uns wir diese Kraft der Musik schon erlebt haben.

Und das Tolle dabei ist, dass Musik keine Länder- und Sprachgrenzen kennt. Musik ist die Sprache, die überall ganz schnell verstanden wird, die uns überall erreichen und bewegen kann. Sie, liebe Frau Kneule, haben das zusammen mit allen Mitgliedern des „Hand in Hand Chores“ noch vor wenigen Wochen eindrücklich erleben dürfen.

 

Musik also schafft eine direkte Brücke zwischen Innen und Außen, trägt die Möglichkeit der Veränderung in sich und kennt keine Grenzen. Ist das nicht großartig, welch wundervolle Gabe, welch weltumspannendes Kommunikationsmittel uns Gott mit der Möglichkeit des Musikhörens und des eigenen Singens und Musizierens geschenkt hat?

 

Freilich – inwieweit und auch wie tief uns Musik erreichen, bewegen kann, das liegt zu einem ganz großen Teil auch an uns selbst. Ich kann z.B. die unterschiedlichen Formen und Arten von Musik eher beiläufig konsumieren. Das Radio im Hintergrund, die Kaufhausmusik oder die Tonbänder der Weihnachtsmärkte sind dafür gute Beispiele. Aber auch mein eigenes Singen oder Musizieren kann – technisch womöglich ganz brillant vorgetragen – letztlich doch ohne jede innere Anteilnahme geschehen, wiewohl ich glaube, dass Hörer/innen sehr genau hören, ob Musik von Innen kommt oder nicht.

 

Fehlende innere Beteiligung beim Singen, Musizieren oder auch beim Musikhören verhindert wirkliche Kommunikation. Erst die Bereitschaft alle Poren beim Singen, musizieren oder Hören zu öffnen, schließt mich auf für das, was hinter der Musik liegt oder darin verborgen.

 

Das, was dahinter und darin verborgen liegt, ist allerdings nicht immer nur gut. Es gibt Musik, die dunkle, zerstörerische Potentiale, die einen bösen Geist in sich trägt und deswegen durchaus auch schaden kann. Denken wir nur an all das faschistische, rechtsradikale Musikgut oder an die okkulten Musikströmungen, die es in allen Jahrhunderten gegeben hat und gibt.

 

Dann gibt es Musik – und hat es immer gegeben -, bei deren Komponieren, Texten und Präsentieren peinlich genau darauf geachtet wird den derzeitigen Geschmack oder die aktuelle Gefühlslage der breiten Masse zu bedienen, Musik, die eigentlich nur gemacht wird, um viel Geld zu verdienen. Solche Musik aber geht nicht wirklich in die Tiefe, wobei die verschiedensten Formen musikalischer Gefühlsduselei zugegebenermaßen ja manchmal auch ganz schön sein können.

 

Dann aber gibt es natürlich auch Musik, die ganz echt und authentisch ist, Musik verschiedenster Machart, die davon erzählt, wie eine oder einer sich mit all den hellen und dunklen Seiten des Lebens auseinander setzt – mal staunend, mal kritisch, mal forschend, mal begeistert, mal einfühlsam oder auch mal ganz fragend. Hier kann ich in ein inneres Gespräch kommen mit Komponist und/oder Texter, ein Gespräch, das mich durchaus weiterbringen kann.

 

Und schließlich gibt es Musik, die von einem ganz guten Geist getragen ist, von Gottes Geist. Musik, die in Ton und Wort erzählt von Glaube und Zweifel, von Trost und Enttäuschung, von Hoffnung und Elend, von Gelingen und Scheitern, Musik, die in Ton und Wort immer wieder daran erinnert, dass in und hinter all diesen Seiten des Lebens und Glaubens Gott dabei ist, dass ER uns Menschen nicht im Stich lässt, dass er uns liebt und uns zu dem uns von ihm zugedachten Leben helfen will. Was für ein großer Reichtum musikalischer Literatur aus vielen Jahrhunderten legt davon Zeugnis ab und wahrlich nicht nur in der Kirchenmusik!

 

Doch gerade die Kirchemusik hat ihre ureigenste Aufgabe darin, dieses froh machende, tröstende, aufrüttelnde, Mut machende Evangelium von der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen mit musikalischen Mitteln zu verkündigen. Kirchenmusik ist deswegen nie Selbstzweck, sondern bleibt in all ihrer unterschiedlichen Ausgestaltung verwiesen auf Gott und angewiesen auf IHN! Denn auch eine ganz wunderbar klingende Evangeliumsverkündigung bleibt leer, kommt nicht zum Ziel, wenn Gott sich nicht mit ihr verbindet!

 

Genau das aber will Gott! ER will sich mit all unserem Singen, Musizieren und Hören verbinden und durch seinen guten Geist das Evangelium in und durch uns alle zum Strahlen, zum Klingen bringen.

 

Und deswegen tun wir gut daran, IHN immer von Neuem in unser Singen, Musizieren und Hören hinein zu rufen. Und wir tun gut daran, IHN für die, die eine besondere Verantwortung für die Kirchenmusik in unseren Gemeinden übernehmen, ganz ausdrücklich um seinen Segen zu bitten.

 

Heute tun wir das für Sie, liebe Frau Kneule. Wir freuen uns so sehr, dass Gott Sie so reich begabt und Sie schließlich hier zu uns in den Kirchenkreis und nach Willingen geschickt hat. Möge der Segen Gottes Sie tragen in der vielgestaltigen, oft sicher schönen, manchmal bestimmt aber auch mühsamen Arbeit als Bezirkskantorin und Kirchenmusikerin dieser Gemeinde.

 

Musik ist ein Schatz, ein großes Gottesgeschenk, ein wunderbares Kommunikationsmittel, das Ihnen, liebe Frau Kneule, in ganz besonderer Weise anvertraut ist. Musik vermag eine direkte Brücke zu schaffen zwischen unserem Innersten und dem Außen, sie trägt die Möglichkeit der Veränderung in sich und kennt keine Grenzen. Und wo wir uns gegenüber der Musik und gegenüber Gott öffnen, und wo Gott sich dann mit uns und unserer Musik verbindet, da wird in dieser Musik präsent werden, was ohne sie oft unsagbar ist. Da gibt es jenseits der Grenze der menschlichen Sprache plötzlich eine Ahnung des ganz Anderen, ohne das, oder besser: ohne den wir nicht leben können!

 

Und deswegen höre ich jetzt auf mit der begrenzten menschlichen Sprache und überlasse es Ihnen, liebe Frau Kneule, die Predigt zu beschließen mit dem, was Sie uns heute mit Gottes Hilfe sagen möchten: